Porträt

Meisterin in einer Männerdomäne: Nancy Becher ist die Schrauberin für Schwalbe, Vespa & Co.

LR_Titel_web

Sie ist angekommen! Rund 15 Jahre dauerte die Fahrt zum Traumjob. Ungläubige Männer, die das Kfz-Handwerk als ihre Domäne ansehen, legten Nancy Becher (32) Steine in den Weg. Doch die Leipzigerin umfuhr sie und ist heute mit ihrer Zweiradwerkstatt „Nancys Mopedschuppen“ ihre eigene Frau.

Braucht Nancy Becher Ersatzteile, schwingt sie sich einfach auf ihr Quad und holt sie. Nimmt sie den Helm ab, ist das Erstaunen der Experten oft groß, weil man eigentlich einen Mann erwartete. Gerät sie ins Fachsimpeln, hat sie ihr Gegenüber dann völlig verwirrt und gängige Klischees über den Haufen gefahren. Die Kunden in ihrer Zweiradwerkstatt  fühlen sich bei ihr dagegen sofort gut aufgehoben und verstanden.

Volkstümlich geht es in der riesigen ehemaligen Fabrikhalle zu, in der unzählige Zweiräder stehen. Wegen der hohen Benzinpreise und der Parkplatznot steigen immer mehr Autofahrer auf kostengünstigere Alternativen um. Da werden alte, längst vergessene Zweiräder wieder aus der Garage geholt und vor dem Frühling zur Durchsicht zu Nancy Becher geschafft. Besonders Fahrerinnen sind froh, mal von Frau zu Frau in der Werkstatt reden zu können.

Vorurteilsfrei hört die Schrauberin mit Herz zu und löst jeden noch so kniffligen Reparaturfall. Schon als Kind nahm sie ihr Tretauto auseinander, träumte davon, einmal in einer Autowerkstatt zu arbeiten. Von schallendem Gelächter bis bösartigen Bemerkungen musste sie alles über sich ergehen lassen, als sie sich um eine Lehrstelle bewarb. „Man traute das einem Mädchen einfach nicht zu“, erinnert sie sich. Sie wich notgedrungen auf Bürokauffrau aus – und war am Schreibtisch todunglücklich. Erst eine lang ersehnte Umschulung ermöglichte ihr 2002 eine Lehre als Kfz-Elektriker. Sie drückte die Schulbank mit 25 Jungen, die sie schnell von ihren Schrauberfertigkeiten überzeugen konnte.

Einen Job hatte sie nach der Lehre trotzdem nicht bekommen. Sie hielt sich mit Taxifahren und Autoteileausfahren über Wasser. Ihren Traum verlor sie dabei aber nicht aus den Augen, machte 2010 sogar ihren Meister des Kraftfahrzeugtechnikhandwerks. Und weil sie immer öfter von Freunden und Bekannten angesprochen wurde, ob sie nicht ein Zweirad reparieren könnte, kam sie vor einem Jahr auf die Idee, eine eigene Werkstatt zu gründen.

Diese ist inzwischen ihr ganzer Lebensmittelpunkt. „Zuhause bin ich nur noch zum Schlafen“, erzählt die Praktikerin mit den zwei goldenen Händen. Und auch ihr Freund Michael (34) fährt nach der Arbeit gleich in die Werkstatt. Während er privat Oldtimer auf Vordermann bringt, repariert sie bis spät in den Abend Zweiräder – ihr treuer 13-jähriger Mischlingshund Barney schaut ihr stets dabei zu.

Und wenn Nancy und Michael nach Feierabend vor der Werkstatt sitzen und grillen (sommers wie winters), genießen sie das gemeinsame Schrauberglück.  Thomas Gillmeister

Kontakt: www.nancys-mopedschuppen.de oder Tel. 0341-223162

Im Bild: Sie gibt Gas bei der Zweiradreparatur: Nancy Becher.

Foto: PICTURE POINT

15.02.12, 08:02