Porträt

Mein Leben mit „Gustav“ – Nach Brustkrebs-Diagnose geht Annette Brück ihren eigenen Weg

Sie mag den Vornamen Gustav nicht. Wohl auch deshalb nennt sie den größten Feind in ihrem Körper so. Doch Annette Brück (61) lebt mit ihm. Dazu hat sich die Geschäftsfrau vor acht Jahren durchgerungen. Die Diagnose Brustkrebs bewirkte die Vollbremsung im Hamsterrad, in dem sie sich bis dahin befand. Heute ist sie mit sich im Reinen.

„Für Krebs habe ich keine Zeit“. Schmunzelnd erinnert sich Annette Brück an ihre erste Reaktion auf den Befund nach einer Mammografie. Und während sie den Satz ausspricht, spult sie in ihrem Hinterkopf die nächsten Termine ab. Sie führt in siebenter Generation einen altehrwürdigen Kunstverlag in Meißen. Die beiden Kinder sind mittlerweile aus dem Haus. Ihr Lebensinhalt ist die Arbeit, von der seit Jahren stets mehr anfällt. Aber die Managerin mit Herz fühlt sich gesund und fit: „Deshalb glaubte ich zuerst auch an einen blinden Alarm.“ Und als Beweis tastet sie sich immer und immer wieder die linke Brust ab. Sie spürt wirklich keinen Knoten. Also muss alles in Ordnung sein, denkt sie.

Der Fakten-Check der Ärzte reißt sie im Sommer 2009 aus dem „Sich-in-Sicherheit-wiegen-Wollen“. Sie hört die Signalworte Brustkrebs, bösartig, Operation. Dann geht alles ganz schnell. Noch bevor die Krebspatientin kritisch nachfragen kann, hat sie bereits den OP-Termin in der Tasche. Den verschiebt sie erst einmal. Aus beruflichen Gründen. Sie möchte unbedingt auf einer wichtigen Messe ihren Verlag vertreten. So wie immer. Annette Brück rechtfertigt das vor dem besorgten Ehemann Helmut (62) und vor sich selbst mit einer Nebenbemerkung der Mediziner, dass es sich um einen langsam wachsenden Tumor handelt, der jetzt achtzehn Millimeter groß ist. Sie beginnt, in sich hineinzuhorchen. Sie schreibt zehn Fragen auf und stellt sie den Ärzten. „Ich treffe schon mein ganzes Geschäftsleben lang selbst Entscheidungen. Und da soll ich die vielleicht wichtigste einfach in fremde Hände legen?“, begründet sie noch heute ihr Hadern mit der Schulmedizin, ohne sie zu verteufeln.

Annette Brück steigt aus dem Hamsterrad aus und verkriecht sich daheim in den Wintergarten mit traumhaftem Blick in das Elbtal. Sie schläft viel, sie beobachtet die am Horizont friedlich vorbeiziehenden Schiffe, sie liest alles über biologische Krebstherapien. Und sagt den Operationstermin ab. Verwandte und Freunde sind entsetzt. Ihr Ehemann nimmt sie in den Arm. Er hat Angst um sie. Annette Brück stellt radikal auf vegetarische Ernährung um, entgiftet ihren Körper unter anderem mit einer dreimonatigen Gemüsediät, verzichtet auf Zucker. Sie unterzieht sich verschiedenen ganzheitlichen Krebstherapien. In vielen Sitzungen arbeitet sie Konflikte und Schicksalsschläge auf, wie den frühen Tod ihres ersten Ehemannes, als sie 21 Jahre alt war. Dann, nach einem halben Jahr fängt die Verlagsmanagerin wieder zu arbeiten an. Dosiert, ein paar Stunden am Tag. Träume schiebt sie nicht mehr auf „vielleicht später Mal“.

So fährt sie mit ihrem Mann im Wohnmobil ein Vierteljahr quer durch Amerika auf den Spuren alter Postkartenmotive. „Die stellten vor rund einhundert Jahren meine Vorfahren her und lagern seitdem bei uns im Archiv“, erzählt Annette Brück. Als sie ein altes Gewächshaus entdeckt, das noch genauso verwunschen dasteht wie auf einer Karte abgebildet, kommen ihr die Tränen. Nach der abenteuerlichen Tour trifft sie endgültig die nicht leichte Entscheidung, den seit 1793 in Familienhand befindlichen Kunstverlag zu verkaufen, beruflich loszulassen. Der Tumor, der olle „Gustav“, ist in ihrer Brust auf fünfzehn Millimeter geschrumpft. Ihr Wille, das Leben mit allen Sinnen wahrzunehmen und zu genießen, wächst dagegen von Tag zu Tag.

Tipp: Annette Brück sammelt Lebensweisheiten. Die gab sie kürzlich als Buch heraus. Titel: „Aus der Schatzkammer des Lebens“.
ISBN: 978-3-00-051013-7

Thomas Gillmeister

Bild: Gern liest Annette Brück in ihrem Buch, in dem sie ihre Lieblings-Lebensweisheiten veröffentlicht hat. Foto: PICTURE POINT/Kerstin Kummer

07.06.17, 08:06