Sonntagsfrühstück

Künstlerisches Stein-Werk: Thomas Franke (Dipl.-Grafiker, Grafikdrucker, Lithograf)

Leipzig um 1900. Mehr als 10 000 Steindrucker zählt die traditionelle Buch- und Druckereistadt zu diesem Zeitpunkt. Leipzig 2012. Deutschlandweit sind nur noch rund 15 professionelle Steindruckwerkstätten aktiv.
Eine von ihnen ist stein_werk., die Druckwerkstatt von Thomas Franke. Seines Zeichens diplomierter Grafiker, Lithograf und Buchdrucker – und schier besessen von der alten Handwerkskunst des Druckens bzw. der Herstellung originalgrafischer Kunst-Werke. Bei einem eher spartanischen Frühstück in seiner Werkstatt im traditionsreichen Grafischen Viertel Leipzigs schauen wir dem „Stein-Werker mit Leib und Seele“ über die Schulter und erfahren so einiges über seine heutige Arbeit mit einem Stein als Druckstock und einer rund hundertjährigen Druckmaschine.

Alois sei Dank

„Alois Senefelder erfand dieses Flachdruckverfahren etwa 1796. Bis Anfang des 20. Jahrhunderts wurde so alles gedruckt, was man brauchte, bis es um 1910 nach und nach vom Offsetdruck abgelöst wurde“, weiß Thomas Franke um die Geschichte dieses Druckverfahrens. Eher zufällig kommt der Leipziger mit dem Metier Kunst in Berührung. Da ist er 16 Jah¬re jung und hat sich eher dem Sport als ¬Schwimmer und leidenschaftlicher Hockeytorwart verschrieben. „Ich bin ein Solist. In allem was ich tue. Entweder – oder. Sport oder Schule. Beides zusammen gleich gut – geht nicht. Für halbe Sachen bin ich nicht zu haben“, beschreibt sich der 37-Jährige damals wie noch heute.

Die Eltern hingegen sehen das zu diesem Zeitpunkt etwas anders und legen ihm nahe, sich mehr auf die Schule als auf den Sport zu konzentrieren. Der Junior wägt beide Seiten ab und entscheidet sich für die Schule. Zum Glück, denn sonst wäre er womöglich nie seinem Kunstlehrer begegnet, der seine stark ausgeprägte Fähigkeit für Malerei und Zeichnung erkennt und fördert. Zum Abschluss der Oberschulzeit entsteht in Zusammenarbeit mit dem Pädagogen ein Gedichtband eines Mitschülers, den auch Thomas Franke bebildert. In der Steindruckwerkstatt von Christian Müller in Großpösna wird das ansehnlich typografisch gestaltete Büchlein gedruckt und von allen Beteiligten in einer Kleinauflage verlegt. Diese Arbeit wird zum Schlüsselerlebnis in Thomas Frankes Leben und sein Entschluss, den Beruf eines Lithografen bzw. Steindruckers zu erlernen, steht fest.

Während seiner dreijährigen Ausbildung zum ¬Steindrucker erwirbt er die Grundlagen dieser alten Drucktechnik. Später vertieft und vervollkommnet er sein Wissen und seine Fertigkeiten in anderen Werkstätten sowohl in Deutschland als auch im Ausland. Er lernt neue Techniken kennen, besucht Steindruck-Symposien in Schweden und in Schottland …

1999 beginnt Franke an der Hochschule für Grafik und Buchkunst ein Studium der Malerei und Grafik, welches er 2005 erfolgreich abschließt. „Wichtig für meine eigene Arbeit war und ist immer die unmittelbare Verbindung von künstlerischer und handwerklicher Tätigkeit – um in beiden Bereichen mitreden zu können. Ich will und muss mich in das einfühlen können, was der Künstler auf dem Stein umsetzen möchte. Und ich muss mich von beiden Seiten nähern können. Das ist der Schlüssel zu meiner Tätigkeit“, beschreibt der Diplomgrafiker seinen eigenen Zugang zur Lithografie.

Die eigene Werkstatt

Dabei kann, eine ideale Zusammenarbeit von beiden Seiten vorausgesetzt, die künstlerische Aussage durch entsprechende lithografische Techniken potenziert werden. Das wiederum bringt einem direkt in der Werkstatt arbeitenden Künstler mit Sicherheit viele Vorteile.

Ein Jahr nach dem Hochschuldiplom eröffnet Thomas Franke 2006 seine erste Steindruck-Werkstatt auf dem Gelände des Grafischen Hofes. 2010 wechselt er noch einmal auf gleichem Gelände die Räumlichkeiten, um damit auch Platz für seine Lithografie-Schnellpresse zu schaffen, die „schlichtweg nicht in den alten Raum gepasst hätte“, so der Künstler.

Heute entstehen hier originalgrafische Buchprojekte, Grafiken in jeglicher Form und Lithografie-Kalender in kleinen und kleinsten Auflagen – allesamt von originalem, fast unikatem Charakter. Hier finden jährliche Lithografie-Symposien mit jungen Kunststudenten und Künstlern aus dem In- und Ausland statt. Franke bildet im Museum für Druckkunst Leipzig Lehrlinge aus und unterrichtet an Kunstakademien. „Erst jetzt, nach 17-jähriger Erfahrung im Steindruck, bekomme ich so langsam eine Fühlung zum Stein. Das ist ein fortwährender Prozess, der nie aufhört. Die nötige Geduld lernt man nebenbei“, freut sich der engagierte und fachlich versierte wie ebenso talentierte Künstler auf viele neue Projekte, die er mit „steinerner Hilfe“ umsetzen kann.

Welche das sind? „Es gibt genug Dinge, die noch geboren werden wollen“, verabschiedet sich der Stein-Werker und freut sich auf ein zweites, ordentliches Sonntagsfrühstück mit allerlei „Herz“haftem – wie seine Frau Anja – und Süßem – wie dem kleinen Söhnchen Moritz. Der wiederum ist gerade erst vier Monate jung und steht ¬derzeit noch auf eine eher flüssige Frühstücksmahlzeit …

Martina Frenzel

www.stein-werk.com

27.01.12, 16:01