Porträt

Große Hilfe für tapferes Schneiderlein – Beste Freunde im Kampf gegen Muskelschwund: Anja Schneider und Toni Kästner

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Aufatmen beim tapferen Schneiderlein von Leipzig. Zwar schreitet ihre heimtückische Erbkrankheit weiter voran, doch hat Anja Schneider (24) nun eine große Stütze an ihrer Seite: Toni Kästner (30). Mit seinem sonnigen Gemüt und den geschickten Händen sorgt er dafür, dass die Kindermode-Macherin trotz Muskelschwund arbeiten kann – und glücklich dabei ist.

Sie sind inzwischen wie Bruder und Schwester. „Die Chemie stimmt einfach“, meint Anja freudestrahlend. Lange hat sie sich nach so einer Hilfe im Alltag gesehnt. „Toni ist mit 1,90 Meter ein Kerl wie ein Baum, kann zupacken und sogar gut mit der Nähmaschine umgehen“, lobt die mit 1,68 Metern vergleichsweise kleine Chefin ihren Meister Nadelöhr. Er ist nun bei ihr in der Nähstube angestellt, finanziert durch das Integrationsamt. „Persönliche Assistenz“ heißt die Behindertenhilfe im Beamtendeutsch.

Anja würde Toni lieber ihren Lebensretter nennen. Denn das Nähatelier im Leipziger Süden ist ihr Leben. Hier kann sie sich täglich verwirklichen, hier wird sie abgelenkt von ihrem Schicksal: Mit neun Jahren begannen die Probleme. Sie lief auf einmal auf Zehenspitzen, Treppensteigen fiel ihr schwer, genau wie Hüpfen und Springen. Nach einer fünfjährigen Ärzteodyssee erfuhr sie endlich die Diagnose: Muskeldystrophie. Die unheilbare Krankheit verläuft bei Anja nicht in Schüben, sondern schleichend. Jeden Tag geht es ihr ein bisschen schlechter. Die Muskelfunktionen lassen nach, schränken sie in ihrer Bewegung ein, zwingen sie in den Rollstuhl. Aber sie stemmt sich dagegen: „Ich bin ein bunter Vogel und pfeife auf die Krankheit.“ Das ist ihr Rezept, mit ihr umzugehen.

Der Rollstuhl bleibt im Auto vor dem Atelier, weil sie beim Nähen Bewegungsfreiheit braucht. Sie hat ein ausgeklügeltes System entwickelt, um auf den 35 Quadratmetern so gut es eben geht mit kleinen langsamen Schritten zurechtzukommen. Anja stylt sich schrill, hört laute Musik, ist auf Festivals unterwegs. Durch die Mitfahrzentrale lernten sich Anja und Toni kennen. Schon nach wenigen Minuten spürten sie, dass sie auf einer Wellenlänge liegen. „Wir haben den gleichen Geschmack und Humor“, erzählt Toni Kästner. Der Grafiker und die Schneiderin verloren sich nicht mehr aus den Augen. Dabei spürte er, wie ihr viele alltägliche Dinge im Laufe der Zeit immer schwerer fielen.

Händeringend suchte Anja fast zwei Jahre lang einen persönlichen Assistenten. Und fand keinen geeigneten. „Ich möchte doch unbedingt meine Nähstube weiterführen“, sinniert sie. Und weil das Glück manchmal so nah liegt, fragte sie eines Tages einfach ihren Kumpel Toni, ob er sich nicht vorstellen könnte, in ihre Dienste zu treten.

Seit einigen Monaten sind sie nun ein eingespieltes Team. Zusammen entwickeln sie Ideen für Kinderkleidung, Wohlfühlkissen und Taschen aller Art. Toni hilft, das Schaufenster und die Ladenregale zu dekorieren, große Stoffballen auszulegen, Waren zur Post zu bringen … „Und immer öfter nimmt er auch Nadel und Faden in die Hand“, verrät die Nähexpertin.

Kontakt: www.facebook.com/maroanella

Thomas Gillmeister

Bild: 100 Prozent Lebenslust trotz 90-prozentiger Behinderung: Anja Schneider. Assistent Toni Kästner ist im Nähatelier immer an ihrer Seite. Foto: PICTURE POINT

03.02.16, 08:02