Wirtschaft
Eigene Zukunft fürs Unternehmen suchen: Garantien für sichere Energieversorgung gibt es nicht
Energiepolitik als Zukunftspolitik versteht die Industriegewerkschaft Bergbau Chemie Energie (IG BCE) auch als Standortthema, sagte IG-Vorsitzender Michael Vassiliedes kürzlich beim Neujahrsempfang der drittgrößten DGB-Gewerkschaft in Leipzig.
Der Gewerkschaftschef, der auch Mitglied der Ethikkommission der Bundesregierung ist und die Debatten nach dem KKW-Unglück im japanischen Fukushima hautnah erlebte, weiß sich da mit vielen Unternehmern eins.
Fuchs und Trauben
Die Arbeitnehmervertreter halten den Ausstieg aus der offensichtlich nicht umfassend beherrschbaren Kernenergie für vernünftig. Aber man sollte dabei nicht alles andere beseitigen, worauf sich unsere Wirtschaft derzeit auch stützt: Kohle, Öl und Gas. Immerhin wird ein Viertel der Bruttoenergieerzeugung in Deutschland durch Braunkohle gedeckt.
Natürlich haben die Gewerkschafter vor allem das Interesse, ihren Mitgliedern zu nutzen. Das bedeutet, deren Arbeitsplätze in der Braunkohlewirtschaft zu erhalten. Nun gibt es Studien, denen zufolge ein beschleunigter Ausbau des Anteils erneuerbarer Energien Arbeitsplätze schaffen würde, dem Verlust auf der einen also ein Gewinn auf der anderen Seite gegenüber stünde. Und weil die IG BCE die Bergleute ebenso wie die Energieproduzenten vertritt, finden sich sogar beide Seiten unter einem Dach.
Allerdings berufen diese sich auf Studien von Wissenschaftlern. Weder die Gewerkschafter noch Unternehmer, die ihre Betriebe zukunftssicher aufstellen wollen, können solche Studien selbst anfertigen. Sie müssen sich auf Vorgaben von Wissenschaftlern verlassen. Unter denen aber bekämpfen sich teilweise bestimmte Lehrmeinungen erbittert.
So will die Vereinigung zur Förderung Erneuerbarer Energien (VEE Sachsen e.V.) schon vor Jahren in einer „Grünen Ausbaustudie“ nachgewiesen haben, dass der Anteil erneuerbarer Energien am Nettostromverbrauch bis zum Jahr 2020 auf 80 Prozent gesteigert werden kann.
Dazu im Gegensatz erörtern gerade in diesen Tagen andere Experten die Rentabilität elektrobetriebener Autos. Sie kommen zu dem Schluss, dass der Verbrauch viel zu hoch sei. Also würde der ganze Umstieg zu teuer. Ein bisschen klingt das nach der Fabel vom Fuchs und den Trauben, der die Beeren für sauer erklärte, weil sie ihm zu hoch hingen, hat doch die deutsche Autoindustrie bislang keine bezahlbaren E-Autos vorgestellt, die serienmäßig fabriziert werden.
In den Branchen der erneuerbaren Energien in Sachsen werden bereits über 12.000 Personen beschäftigt und damit viermal mehr als im Braunkohleabbau.
Märchenhaft?
Solange auf dem Gebiet die sogenannten Marktkräfte wirken, muss sich jeder Unternehmer seine eigene Perspektive suchen. Wer in der Windkraftbranche bereits arbeitet, wird dabei immer gegen Kräfte des Beharrens arbeiten müssen. Wer als Zulieferer für die Braunkohlewirtschaft sein Geld verdient, wird auf absehbare Zeit Aufträge bekommen. Aber ob das langfristig so bleibt, hängt auch von wissenschaftlichen Fortschritten ab. Die VEE-Studie der Grünen-Fraktion hatte übrigens ergeben, dass Sachsen im Jahr 2020 nicht nur 33, sondern schon 82 Prozent seines Stromverbrauchs aus erneuerbaren Energien bestreiten könnte.
Das hört sich ein bisschen märchenhaft an. Vielleicht ist es das auch. Aber bis dahin sind es ja nur noch acht Jahre.
Thomas Biskupek
05.02.12, 10:02






