Porträt

Die Seele vom Songpoeten – Heute verabschieden Musiker in einem Gedenkkonzert Liedermacher Holger Biege

Wenn er seine Balladen „Sagte mal ein Dichter“ oder „Reichtum der Welt“ sang, sorgte er für Gänsehautfeeling. Nach einem Schlaganfall verstummte er. Jahrelang kämpfte er sich Wort für Wort und Schritt für Schritt zurück ins Leben. Doch am 25. April starb er mit 65 Jahren. Heute verabschieden sich Musiker mit einem Gedenkkonzert vom legendären Holger Biege.

Dass er Sterne mochte, sie stundenlang von der Terrasse seines Hauses am Waldrand aus beobachten konnte, passt zu ihm. Holger Biege, der Stille, der Freigeist. Dabei blieb es aber nicht bei romantischer Verklärung. Er kannte sich in der Astronomie genauso gut aus wie in der Musik. In den 1970er-Jahren wurde er ein Stern am DDR-Liedermacherhimmel. Die Marke des Musikers: eine von ihm ganz eigen kreierte Mischung aus Rock, Pop und Chanson. Der begnadete Pianist setzte sich an sein Klavier und unterhielt zwei Stunden lang das Publikum. Live und ehrlich sang er „Wenn der Abend kommt“ oder „Will alles wagen“. Die Fans klebten an seinen Lippen, bemerkten jede feine Nuance von kritischen Zwischentönen. Denn Holger Biege ließ sich nicht verbiegen, nicht den Mund verbieten. Er eckte an, wurde vom Fernsehen geschnitten, erhielt Auftrittsverbote.

Schließlich sah der Sänger keinen anderen Ausweg, als am 21. April 1983 nach einem Konzert in Westberlin zu bleiben. Wohl hat er sich im Westen nie gefühlt, so dass er nach der Wiedervereinigung zu seinen Fans zurückkehrte. Er fand seine Nische(n). Nun sang er meist in kleinen Sälen vor seinem treuen Publikum, zog sich aufs Land zurück, um dem Lärm der Stadt zu entfliehen. Doch im Juni 2012 erlitt Holger Biege einen Schlaganfall und einen Gehirnstammschlag. Die Folgen: Er konnte nicht mehr selbstständig atmen, schlucken, sprechen, war rechtsseitig gelähmt.

Seine Frau Cordelia, mit der er seit 1980 eine glückliche Ehe führte, setzte Himmel und Hölle in Bewegung, um ihren Mann zurück ins Leben zu holen. Sie koordinierte eine menschliche Rund-um-die-Uhr-Pflege mit Therapien und medizinischen Hilfsmitteln, organisierte Spendenaktionen und Rügenurlaube, machte den 65. Geburtstag des Sängers zu einem unvergesslichen Erlebnis. Das Ehepaar entwickelte mit der Zeit eine eigene Umgangssprache, die mit Blickkontakten, liebevollen Gesten und wenigen Worten auskam.

Fast sechs Jahre dauerte der Ausnahmezustand im Alltag. Am 25. April starb Holger Biege im Krankenhaus in den Armen seiner Frau. Geblieben sind seine Lieder, von denen einige heute beim Gedenkkonzert in Lieschow auf der Insel Rügen gespielt werden. Mit auf der Bühne: Schlagersänger Gerd Christian. Holger Biege komponierte für seinen Bruder einen der erfolgreichsten DDR-Hits: „Sag ihr auch“. Und in der ersten Reihe wird sie mit dabei sein, die Seele vom Songpoeten.

Thomas Gillmeister

Bild: Mit der Kraft der Liebe bewältigten Cordelia und Holger Biege den schweren Schicksalsschlag. Hier eine Aufnahme aus dem Jahr 2015. Foto: PICTURE POINT/Thomas Gillmeister

16.05.18, 08:05