Wirtschaft
Bleibt Leipzig eine wahre Kulturstadt? Mit ökonomischen Maßnahmen wird es keine positiven Antworten auf diese Frage geben
Leipzig gilt zu Recht als Kulturstadt. Das hat zweierlei Folgen. Erstens macht es die Großstadt für Besucher attraktiv. Zweitens kostet das Geld – mehr als die nahezu deindustrialisierte Kommune hat.
Konkret werden in zwei bis drei Jahren etwa 5,7 Millionen Euro fehlen. Um die Lücke zu schließen, beauftragte die Rathausspitze die Beratungsfirma Actori mit einem Gutachten, das seit November debattiert wird.
Nur Einsparung?
Herausbekommen haben die Münchner eine ganze Menge. In allen ihren zwölf Vorschlägen stecken die Begriffe „Einsparung“, „Reduzierung“ oder „Aufgabe“.
Das bedeutet unterm Strich: Irgendwas verschwindet oder wird nahezu bedeutungslos. So könnte man durch Entlassen des Balletts mehr als die benötigte Summe einsparen, aber zugleich eins der bedeutendsten deutschen Ensembles verlieren.
Und jede Streichung bedeutet angesichts der absehbaren Mängel für die Zukunft: Was hier verschwindet, wird nie wiederkommen.
Das hat Folgen für die Stadt, die kein Gutachten zeigen kann: Besucher bleiben aus, Hotel- und Gaststättenplätze leer. Mitarbeiter verlieren ihre Arbeit und fallen als Steuerzahler flach. Andere Attraktionen der Stadt büßen ebenfalls an Zugkraft ein.
Eine Frage blieb allerdings aus, die jeder mittelständische Unternehmer stellen würde: Könnte ich mit verändertem Programm neue Kunden (in dem Fall Besucher) gewinnen und dadurch sogar die Einnahmen erhöhen?
Das hört sich banal an, aber in den Fakten der Leipziger Hochkultur sind Antworten angelegt: Die Oper erreicht eine Auslastung von etwa 60 Prozent. Ähnlich ist das bei den Theatern. Nur das Theater der Jungen Welt und die Muko – beide am meisten auf dem Prüfstand – werden deutlich besser ausgelastet.
Zugleich heimsen Letztere einen überregional guten Ruf dank ihrer Programme ein, was man von den ersten beiden nicht sagen kann. Also könnten – rein wirtschaftlich betrachtet – attraktivere Programme zusammen mit klugen Preisanhebungen, die Einnahmen deutlich erhöhen.
Dazu wären gar keine Wunder nötig. Es gibt ein breites Theaterpublikum, das sehen und hören will, was es an Weltkultur gibt. Es käme zurück, wenn eben Verdi oder Shakespeare auf Leipziger Bühnen gespielt würden – ohne Blut und Fäkalien. Und den obersten Preisgruppen ließen sich wohl selbst höhere Preise vermitteln, solange es auch noch ein paar im niedrigen Segment gibt.
Künstlerische Aspekte
Natürlich lässt sich der Weg dahin nicht durch Gutachten ermitteln, deren Arbeit gar nicht missachtet werden soll. Sie untersuchten die wirtschaftlichen Aspekte der Leipziger Hochkultur, nicht die künstlerischen. Die bekommen solche Fachleute auch nicht hin. Aber die Mitarbeiter des in der sächsischen Messestadt seit vielen Jahren erfolgreich agierenden Instituts fürs Marktforschung wissen, wie man Umfragen mit einer hohen Trefferquote auch in ganz sensiblen Bereichen plant und durchführt.
Damit könnte man vielleicht sogar die Zuschüsse reduzieren und dennoch den Ruf als Kulturstadt behalten. Das passte dann zu jüngst geäußerten Ansichten von Oberbürgermeister Jung, die Hochkultur mit mehr Geld zu fördern.
Text/Foto: Thomas Biskupek
Bildtext: Ein Zentrum der Leipziger Hochkultur – die Oper.
13.01.12, 18:01






