Titelstory
Fünfjähriger Gerichtsstreit um einen Baum
Von wegen leise rieselt der Schnee. Bei Rita Pocher (54) löste er einen lauten Rechtsstreit aus. Ein schneebeladener Ast war von ihrem Grundstück auf die Straße gekracht. Ein Sicherheitsrisiko. Ein Nachbar rief die Feuerwehr, die den Baum fällte. Die Kosten sollte die Grundstücksbesitzerin tragen. Sie klagte und verlor. Dem Winter kann Rita Pocher nichts mehr Romantisches abgewinnen. Im Gegenteil. Die Schneemassen der letzten Monate beunruhigen sie. Die Fichten auf ihrem Grundstück hat sie vorsichtshalber gestutzt. Denn zu tief sitzt der Schock, den ein schneebeladener Ast auslöste, der zu einer alten Ulme gehörte, dem einstigen Hausbaum von Familie Pocher, die sich nach der Wende den Traum von den eigenen vier Wänden erfüllte. Ehemann Peter baute ein über 100 Jahre altes Haus in Neukirchen um. Rita Pocher kümmerte sich um den idylli- schen Garten. Nachdem ein Gutachter die alten Bäume unter die Lupe genommen hatte, durften die Pochers vier fällen. Er versicherte mir, dass die restlichen Bäume gesund seien, erinnert sich Rita Pocher. Doch bei einem Wintersturm im November 2004 krachte ein riesiger Ast der Ulme auf den Bürgersteig und die Straße. Ein Nachbar bemerkte das sofort und rief gutgläubig die Feuerwehr, die kurze Zeit später eintraf. Erst ließ ich mir versichern, dass es sich um einen Notfall handelt und ich für den Einsatz nicht aufkommen muss, denkt sie an den Winterabend zurück.
Dann machten sich die Feuerwehrleute an die Arbeit. Sie zersägten nicht nur den Ast, sondern fällten gleich die ganze Ulme, weil sie ihrer Meinung nach instabil war. Trotz der Aufregung herrschte eine gute, hilfsbereite Stimmung. Rita Pocher versorgte die Feuerwehrleute mit Getränken. Nach mehreren Stunden war der Spuk vorbei. Vorerst. Denn kurze Zeit später flatterte den Pochers ein Gebührenbescheid für den Feuerwehreinsatz in Höhe von 1844,96 Euro ins Haus. Zahlbar innerhalb von sechs Tagen. Ich hielt zitternd den Brief in den Händen und verstand die Welt nicht mehr, meint die Grundstücksbesitzerin. Sie schaltete sofort ihren Rechtsanwalt ein: der Beginn eines rund fünf Jahre dauernden Rechtsstreits. Der Knackpunkt: Plötzlich konnten sich die Feuerwehrleute nicht mehr an ihr Kostenübernahme-Versprechen erinnern, das sie mir an jenem Abend gegeben hatten, beklagt Rita Pocher. Einen ersten Prozess im Jahre 2007 vor dem Verwaltungsgericht in Chemnitz verlor sie. Doch sie kämpfte weiter, legte Berufung vor dem Sächsischen Oberverwaltungsgericht in Bautzen ein. Das lehnte zwei Jahre später die Klage ab.
Deshalb flatterte den Erzgebirgern erneut von der Gemeindeverwaltung Neukirchen die Zahlungsaufforderung ins Haus, die sie nun zähneknirschend begleichen mussten. Wenn wir das vorher gewusst hätten, dass wir den Einsatz bezahlen müssen, hätten wir den Ast selbst zersägt, ärgert sich Rita Pocher noch immer. Mit dem Holz der Ulme befeuerten sie ihren Kamin. Das war dann wohl das teuerste Kaminholz Deutschlands, seufzt sie.
Thomas Gillmeister


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