Leipzig übt vor allem in der Adventszeit eine enorme Anziehungskraft bis in weit entfernte Gegenden Deutschlands aus. In diesem Jahr ist es aber nicht nur der Weihnachtsmarkt, der Besucher von nah und fern an die Pleiße lockt. Von der Öffentlichkeit nahezu unbemerkt vollzog sich unter der denkmalgeschützten Kuppel von Halle 16 auf dem alten Messegelände unweit vom Völkerschlachtdenkmal ein Ausstellungswechsel.Wusste schon die dortige Olympiapräsentation die Messestädter und deren Gäste zu beeindrucken, so dürfte die "Nachfolgeschau" Leipzig zum Kunst-Mekka auf Zeit erheben: Am Freitag öffneten sich die Pforten zu einer grandiosen Marc-Chagall-Retrospektive.
218 Werke aus dem lithografischen Spätwerk des 1887 in Weißrussland geborenen und 1985 in Paris verstorbenen Künstlers befinden sich für eineinhalb Jahre auf großer Ausstellungstour. Dabei handelt es sich durchweg um Urdrucke aus den Jahren 1950 bis 1985, die vor der eigentlichen Vervielfältigung sozusagen als Probeabzug angefertigt, zum Teil mit persönlichen Widmungen oder Handzeichnungen versehen und als Beleg aufbewahrt wurden. Würden diese Blätter kriminaltechnisch untersucht, ließen sich gewiss die Fingerabdrücke Marc Chagalls und seines Freundes und Mitarbeiters Charles Sorlier nachweisen, versichert Ausstellungsinitiator Eylert Ewald Acher. Die gezeigten Unikate sind, so Acher, die "Highlights" des an Sorlier vererbten Nachlasses von insgesamt 1050 Lithografien.
Trotz dezenter Beleuchtung - um die Originale zu schonen - zünden die chronologisch und thematisch geordneten Werke in ihrer Gesamtheit ein fulminantes Feuerwerk an Farbigkeit im düsteren Kuppelsaal. So sind unter anderem alle 42 Arbeiten Chagalls zu Daphnis und Chloé - sie zählen zu den absoluten Meisterwerken lithografischer Kunst - ebenso zu sehen wie Blätter zu biblischen Themen und sämtliche Urdrucke der 1967 veröffentlichten Mappe "Le Cirque".
Die Exposition, die zuvor in Mainz und Hannover Station gemacht hatte, zog allein in Kassel 15.000 Besucher in ihren Bann. "Viele besuchten sie mehrfach, manche, um vor den Bildern zu meditieren", weiß Acher. <p><p>Der Umstand, dass die Ausstellung nun in Leipzig stattfinden kann, ist ebenso märchenhaft wie Marc Chagalls Bildsprache. Weil den Organisator andernorts eine kurzfristige Absage ereilte, besann er sich der kunstbegeisterten Messestädter - unmittelbar nach der Wende hatte der Kunsthistoriker eine "wunderbare Zusammenarbeit" mit dem Gewandhaus, insbesondere mit Kurt Masur angeschoben und Ausstellungen im damaligen Klingerfoyer initiiert. "Um zu verhindern, dass die Werke teuer zwischengelagert werden müssen, habe ich Leipzigs Kulturbeigeordneten Dr. Georg Girardet angerufen - und so sind wir schließlich hier gelandet."
Heiko Betat
Die Marc-Chagall-Retrospektive ist zunächst bis 30. Dezember täglich - auch an den Feiertagen - von 10 bis 20 Uhr geöffnet. Eintritt: 9 Euro, Familienticket 20 Euro, Kombi-Karte (Katalog inklusive): 20 Euro. Im Art-Shop werden Kunstdrucke, Poster, Bildmappen, Bücher und Kunstkarten zu Chagall und der Ausstellung angeboten.


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